Bondage, der Ursprung

Donnerstag, Januar 20th, 2011

Es gibt viele unter meinen Freunden, die mich als Japan-Fan immer wieder fragen “Was ist eigentlich Bondage? Und woher kommt es? Ist es eine „Erfindung“ der Neuzeit oder gibt es das schon länger? Hat es immer mit Sex zu tun? Bondage, oder Shibari ist so vielfältig, dass ein Blogbeitrag alleine kaum ausreicht um alle Spielarten genau zu erklären. Doch der Ursprung und die Entwicklung kann ich in einem Bericht unterbringen.

Portrait of Oda Nobunaga (detail)

Image via Wikipedia

Auf der Suche nach der Entstehung der heute als Nawa Shibari bekannten „Spielart“ fand ich eine Vielzahl interessanter Artikel und Bücher, in denen ich auch immer wieder auf die Begriffe Kaginawa, Nawa jutsu und Hojo jutsu gestossen bin. Nawa jutsu und Hojo jutsu bezeichnen Kampfarten und Techniken, wie sie von japanischen Samurai und Ninjas (so wurden die „Geheimagenten“ des Kaisers im mittelalterlichen Japan genannt, die mit Mordanschlägen oder Einbrüchen betraut wurden) angewendet wurden, um Gegner schnell kampfunfähig zu machen und daran zu hindern, wieder in den Kampf eingreifen zu können, ohne sie jedoch zu töten.Damit wir dies etwas besser verstehen können, müssen wir ein wenig in die Geschichte, in die sehr grausame Periode des „alten“ Japan, zurück gehen. In der Zeit zwischen 1534 und 1616 wurde das Ashikaga-Shogunat durch Oda Nobunaga, Toyotomi Hideyoshi und Tokugawa Ieyasu gestürzt und sie beendeten die kriegerischen Auseinandersetzungen der Samurai-Familienclans. Durch die Einführung noch härterer Regelungen führten sie Japan langsam zu dauerhaften, inneren Frieden. Tokugawa Ieyasu war Gouverneur sowie einer der intelligentesten Männer innerhalb der Nobunaga-Partisanen und machte sich auf grausame Weise innerhalb kürzester Zeit zum mächtigsten Mann Japans. Er nahm den zwischenzeitlich durch die ständigen Kriege in Misskredit geratenen Titel eines Shogun wieder an und beseitigte die letzten Widerstände gegen sich in der Schlacht von Sekigahara im September 1600. Drei Jahre später errichtete er das streng geführte Tokugawa-Shogunat und verlegte seinen Amtssitz nach Edo (dem heutigen Tokyo). Während seiner Regierungszeit entwickelten sich – auf seinen Befehl hin – extreme Foltermethoden. Während der 250-jährigen Herrschaft der Tokugawa-Shogune, auch Edo-Periode genannt, war aber das Seil nicht nur ein Werkzeug zum Fesseln und zur Sicherung Gefangener. Neben dieser Funktion wurde das Seil – auf Anweisung besonders von Tokugawa Ieyasu – auch wesentlicher Bestandteil der extremsten Foltermethoden dieser Zeit. Zu den bis dahin bekannten Foltermethoden wie der Kreuzigung, dem Aufspannen oder Aufhängen Gefangener an Seilen kamen Praktiken hinzu, wie Auspeitschungen, die Qual der Gefangenen durch das Aufbinden von schweren Felsbrocken mit Seilen oder äusserst brutale und schmerzhafte Fesselungen, bei denen Gliedmassen in verdrehter Haltung gewaltsam mit Seilen fixiert wurden. Hinzu kamen Formen der Fesselung, die den Gefangenen „aktiv“ an Versuchen hindern sollte, sich von den angelegten Fesseln zu befreien. Dies geschah auf diese Art, dass die Fesseln so angelegt wurden, dass sie sich immer enger zogen, je mehr man versuchte sich daraus zu befreien. Dies konnte sogar bis zur Strangulation oder zur kompletten Abbindung einzelner Körperteile führen weil die Blutzirkulation unterbrochen wurde. Doch diese Techniken wurden auch anderweitig eingesetzt. So gibt es zeitgenössische Berichte wonach Krieger in ihren Unterkünften, z.B. in Herbergen, Prostituierte fesselten. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Es gab schlicht zu wenige Prostituierte für zu viele Krieger. Und damit ein Liebchen während der Nacht nicht einfach einen anderen Mann aufsuchen konnte wurde sie nach Shibari-Art gefesselt. So konnte der Krieger mit der Gewissheit einschlafen, dass seine Prostituierte auch am nächsten Morgen noch da war um ihn zu verwöhnen :-). Der Wahrheitsgehalt dieser Berichte ist aber nicht gefestigt, da diese Berichte nicht sehr zahlreich sind um wirklich als Tatsache zu gelten. Sicherlich war dies nicht alltäglich und bildete sicher nur eine Ausnahme.

Die Herrschaft des Clans der Tokugawa brach 1867 zusammen – das Ende der Edo-Periode – als sich der Handel aus Europa nicht mehr aufhalten lies und sich das abgeschottete Inselreich Japan nach Aussen hin öffnen musste. Der einsetzende kulturelle Austausch führte langsam zu einer Modernisierung des Landes nach westlichem Vorbild und brachte in fast allen Bereichen des alltäglichen Lebens Neuerungen und Veränderungen, die letztendlich, wenn auch sehr zögerlich, auch zum Verlust des Samurai-Standes führten. Die als Shibari bekannt gewordene Kunst des Fesselns geht eindeutig auf militärische und kriegerische Techniken zurück, auch wenn einige Quellen versuchen, den Ursprung des Shibari in die Nähe der „höfische Kultur“ der Heian-Ära zu rücken und sie mit sexuellen Komponenten in Zusammenhang zu bringen. Dies belegt auch schon die Übersetzung des Begriffes Hojo Jutsu, welcher zudem eindeutig der Tokugawa-Ära zuzuordnen ist: „ho“ kann mit „eine Person fangen/binden“ übersetzt werden, was auch „tori“ genannt werden kann. „jo“ bedeutet „Seil“ und wird auf Japanisch auch mit „nawa“ oder „tsuna“ bezeichnet. „jutsu“ ist die Bezeichnung für „Fähigkeit/Kunst/Fertigkeit„.

Doch wie steht dies im Zusammenhang mit Kaginawa? Kaginawa wurde der Umgang mit dem Seil genannt, welches überwiegend von den Kumogakure Ryu Ninjas verwendet wurde. Es hatte meist eine Länge von 6 bis 10 Metern und an einem Ende war ein Haken befestigt, welcher ein schnelles zusammenziehen des Seils ohne Knoten sicherstellte.
Es gab eine Vielzahl unterschiedlicher Techniken, deren Handhabung in weithin bekannten Schriften (Bansenshukai, Ninpiden etc.) beschrieben sind. In alten japanischen Aufzeichnungen (Makimono Shoninki) von 1682 ist die Anwendung des Kaginawa kurz und bündig mit folgender Aussage beschrieben: „Ein Kaginawa kann dazu benutzt werden, schnell hohe Hindernisse zu überwinden, eine Person schnell zu fesseln oder eine Tür zu verriegeln„. Viele Kampfschulen, welche die Techniken des Kaginawa unterrichteten, hatten enge Verbindungen zum berühmten Ninja Hattori Hanzo Masashige (1541-1596). Hanzo Hattori ist weit über Japan hinaus bekannt, da er den Shogun Togugawa Ieyasu aus der Gefangenschaft feindlicher Gruppen befreit hat und bis zu seinem Tod am 4. Dezember 1596 als Leibwächter bei ihm gedient hat. Es ist nicht klar, ob die von Hanzo Hattori angewendeten Techniken des Kaginawa die Basis für die von Donnoshin Toshimitsu Masaki vor ca. 300 Jahren entwickelte Manrikikusari-Technik darstellt. Er war der Oberbefehlshaber des Tokioter Gefängnisses und erfand eine Vielzahl unterschiedlicher Arten, die Gefangenen mit Hilfe der Manrikikusari-Technik zu quälen und zu foltern. Die Manriki Kampfschule lehrt auch heute noch die Techniken von Dannoshin Toshimitsu Masaki im „alten“ Tokio. Aus dieser Ära ist auch eine Abwandlung des Kaginawa bekannt, bei der sich am Ende des Seiles anstelle des Hakens eine eiserne Öse befand.

Im Lauf der Zeit flossen auch gesellschaftliche Elemente der damaligen Zeit in die Kunst des Fesselns ein. Unter anderem wurden verschiedene Regeln zur Farbgebung erdacht, deren Inhalte im Verlauf der wechselhaften japanischen Geschichte auch verschiedenen Änderungen unterworfen waren. Zum Einen waren esoterische Regeln im Gebrauch, denen zufolge die Seilfarbe mit Jahreszeiten, den aus China übernommenen taoistischen Elementen – der sogenannten „Fünf-Elemente- Lehre“ – und den mythologischen Wächtern der Himmelsrichtungen, in deren Richtung der gefesselte Gefangene zu blicken hatte. Zum Anderen richteten sich die Farben der Seile nach gesellschaftlichem Stand und eine dritte Regel orientierte sich beim Anlegen der Fesseln an der Schwere des vergangenen Verbrechens des Gefangenen.

Mit Ende der Edo-Periode verschwand auch langsam die militärische Anwendung des Hojo jutsu, sollten dann aber später erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der erotischen Fesselkunst in Japan nehmen. Durch den Einfluss der „Moderne“ aus westlichen Staaten in Japan machte das Land verschiedene Phasen von Veränderungen und Entwicklung durch und bis zum Ende des zweiten Weltkrieges spielte die „Kunst mit dem Seil“ in Japan eine untergeordnete bzw. überhaupt keine Rolle. Erst nach dem Krieg und den damit zusammenhängenden Aufbauarbeiten wuchs das Interesse der Nachkriegsjapaner wieder an der Fesselkunst, stark ausgelöst durch den Einfluss von Europa und nicht zuletzt durch das Bekanntwerden der Geschichten des Marquis de Sade in Europa. Und da die Verwendung bisher genutzter Begriffe als „altmodisch“ galt, entstand zu diesem Zeitpunkt auch der heute bekannte Begriff Shibari bzw. Nawa Shibari. Dabei teilte sich die „Szene“ relativ schnell in zwei Lager, die unterschiedliche Ansichten vertraten. Die „Traditionellen“ legten besonderen Wert auf die Beibehaltung bestimmter Formen und Fesselmethoden. Dies kann man im Prinzip mit der Choreographie einer Teezeremonie oder der einer Kata beim Karate vergleichen. Ausserdem wird von dieser Gruppierung jeglicher Gebrauch von künstlichen Materialien bei der Erstellung eines „Shibari-Kunstwerkes“ kategorisch abgelehnt. Das gesamte Ambiente sollte möglichst natürlich sein und meist bildet traditionelles, japanisches Interieur den Hintergrund der Shibari- Performance.
Somit sind auf entsprechenden Fotografien sehr oft Reispapier- Paravents und Tatami-Matten zu sehen und meist werden die Performances von leiser, dezenter Hintergrundmusik und dem Abbrennen von japanischen Räucherstäbchen (Kau) begleitet.
Zum Fesseln und Binden verwenden die traditionell orientierten Künstler auch meist ausschliesslich die “asanawa” genannten japanischen Naturfaserseile aus Hanf oder Jute. Dem gegenüber stehen die „modernen“ Shibaritai – wie die „Künstler mit dem Seil“ auch genannt werden – und sind in der stilistischen Variation der Fesselung, bei der Wahl der Umgebung und der Wahl der Materialien „flexibler“ und damit etwas weniger kulturorientiert. So können neben Kunstfaserseilen durchaus auch Leder- oder Lackmaterial zu Einsatz kommen und selbst Bondages mit Ketten sind dabei anzutreffen. Da auch bezüglich der Location und Ambiente bei den Anhängern des modernen Shibari weniger traditionell umgegangen wird, sind auch Sessions im Freien genau so üblich wie das Einbeziehen von Gegenständen. So findet man auf entsprechenden Abbildungen z.B. das kunstgerechte Binden auf einem Strafbock oder das Fesseln an Stühlen, Tischen und anderen Gegenständen.

Im Lauf der Jahre haben sich dann manche Shibaritai in noch weitere Richtungen entwickelt, die heute als Sonderformen des Shibari bezeichnet werden und auch allgemein anerkannt sind. Zu den heute bekanntesten Abwandlungen gehört zum Beispiel die Form der Selbst-Bondage (Selfbondage) oder auch “Mummification”. Eine andere, weit verbreitete Sonderform ist in Bildern zu sehen, in denen der Künstler nur vollständig bekleidete Modelle – sei es in normaler Strassenkleidung oder im traditionellen Kimono – gefesselt zur Schau stellt. Diese Art des Shibari findet man heute überall in Japan und die meisten Perfomances werden mit bekleideten Frauen gemacht.

Westliches Bondage vs. Östliches Bondage – was ist gemeint? Wenn vom „östlichen Bondage“ gesprochen wird, ist damit die Methode des „Japan Bondage“ (Shibari) gemeint. Schon während der kriegerischen Anwendung der Fesseltechnik wurde darauf geachtet, dass mit der Bondage – egal wie brutal oder schmerzhaft es angelegt wurde – eine gewisse Ästhetik verbunden war. So wurde z.B. darauf geachtet, dass die Seile möglichst symmetrisch über den Körper verliefen und damit ein gewisses „Kunstwerk“ geschaffen wurde. Diese Denkweise hat sich mit dem Einzug des Bondage in den erotischen Bereich noch deutlich verstärkt und neben dem Ziel der Immobilisierung und der Lust- oder Schmerzreizung des „Opfers“ stellt der optische Eindruck einen enorm hohen Stellenwert dar. Im östlichen Bondage ist auch die Namensgebung der Figuren, Knoten usw. bedeutend. Jede Figur hat hier einen Namen. Zum Teil sogar einzelne Knoten von denen einige an vorgeschriebenen Orten platziert werden müssen. Dort und nirgends anders.

Etwas anders sieht dies aus, wenn vom „westlichen“ – oder modernen – Bondage gesprochen wird. Ursprünge dieser Art des Fesseln geht auf die Geschichte Amerikas zurück und hat schlicht und einfach die Immobilisierung des „Opfers“ zum Ziel. Dabei soll dies schnell gehen – also mit wenig Aufwand – und zweckmässig sein. Teilweise sind gewisse Einflüsse des östlichen Bondage zu beobachten und so findet man häufig Aufnahmen von Fesselungen, bei denen der östliche Einfluss deutlich erkennbar ist. Aber auch wenn es z.B. um Hängebondages geht, werden Stile der östlichen und westlichen Formen der Fesselung gelegentlich in einer Mischung eingesetzt, ohne dabei wiederum grossen Wert auf die Optik zu legen. Hier steht die Zweckmässigkeit eindeutig im Vordergrund. Optische Einflüsse spielen somit beim westlichen Bondage eine deutlich untergeordnete bis gar keine Rolle. Und im Gegensatz zum östlichen Bondage wird meist auch kein Wert auf besondere Materialien gelegt, so dass vom Hanf- oder Baumwollseil (wobei dieses eigentlich ungeeignet ist, da es zu flexibel ist und abschnüren kann) über Tape und Isolierband bis hin zu Handschellen alles Verwendung findet, was der schnellen, unkomplizierten Immobilisierung dienlich ist. Der sexuelle Einfluss ist im westlichen Bondage eine fast tragende Rolle. So spielt hier nicht einfach nur die Immobilisierung des “Opfers” eine Rolle, sondern unter anderem auch seine sexuelle Befriedigung. Es ist bekannt, dass Menschen die komplett immobilisiert sind, Reize viel stärker empfinden als sonst. Das “sich nicht dagegen wehren können” ist dabei der Grund. Orgasmen, vor allem bei Frauen, werden als viel stärker empfunden als wenn sie nicht gefesselt wären. Bekannt ist auch, dass bei Verlust eines weiteren Reizes, nämlich derjenige des Sehens, eine weitere Empfindungsverstärkung stattfindet. Voraussetzung für diese Reizverstärkung hier allerdings ein völliges gegenseitiges Vertrauen. Insbesondere in den Master. Nur wenn sich die gefesselte Person vollkommen dem Gefühl hingeben kann funktioniert das auch wirklich.

Im heutigen Japan ist Bondage natürlich nicht mehr eine Foltermethode, sondern eine anerkannte Kunstform. Man findet z.B. in Tokio massenweise Clubs in denen Bondage-Performances gezeigt werden. Als ich vor ein paar Jahren für etwas mehr als eine Woche geschäftlich in Tokio war wurde mir das sehr anschaulich bewusst. Es wird viel offener mit Bondage umgegangen als es hier im ach so aufgeschlossenen Westen der Fall ist. Ein Grund dafür ist wohl, dass Shibari in Japan geschichtlich verwurzelt ist und somit die Akzeptanz höher ist als in anderen Ländern. Solange die Models nicht komplett nackt sind, dürfen Bondage-Performances ohne grosse Einschränkungen gezeigt werden.

So, ich denke nun ist alles klar, oder? :-).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s